Wie hierzulande mehr als ein Herrscher die Existenz des Schriftstellers empfand, kann man bei Herrn von Bismarck nachlesen: Literaten, das waren für ihn "Menschen, unfähig zum Elementarschullehrer und zu arbeitsscheu zum Postsekretär". Literatur und Politik in Deutschland: die Geschichte ihres Verhältnisses zeugt jedenfalls von Distanz und Mißachtung, von Argwohn und Vorbehalt. Sie belegt aber auch, daß Schriftsteller sich in Anspruch nehmen ließen als Lobredner der Macht, die, betäubt von nationalen Räuschen, ihre Aufgabe in der Affirmation der Herrschenden erblickten oder sogar in der Feier des Krieges als "tiefe Prüfung".
Schließlich läßt uns die wechselvolle Geschichte der Beziehungen von Literatur und Politik jedoch auch erkennen, daß es in Deutschland eine Zeit gab, in der der abgestandene Gegensatz von Macht und Kunst verworfen wurde und in der viele Schriftsteller einsahen, daß Literatur, wie Heine sagte, den Schritt ins öffentliche, also politische Leben tun müsse.



Diese Zeit begann nach 1945. Keine Sehnsucht nach Weimarer Utopien erfüllte die Schriftsteller, kein Bedürfnis, sich anzudienen; die Demokratie, nach einem Wort von Heinrich Mann das "Geschenk der Niederlage", bezeichnete die Aufgabe, forderte zur Teilnahme auf. Bei aller Unterschiedlichkeit in ästhetischen Fragen: die übereinstimmende Bereitschaft, auf Politik einzugehen, erklärt sich vor allem durch den Erfahrungshaushalt des Nachkriegsschriftstellers. Heinrich Bölls früher Titel "Wo warst du, Adam?" und die lakonische Antwort: "Ich war im Krieg", deuten schon an, aus welcher Befindlichkeit der Schriftsteller damals handelte. Ein melancholischer oder rabiater Wunsch nach Rechenschaft bestimmte seine Arbeit, ein Verlangen nach Aufklärung und Selbstbestimmung, und nicht zuletzt die Wahrheits ermittlung: ideologische Verblendung, Tod und entsetztes Verstummen. Vor der Frage: "Wo warst du, Adam?" machte der Schriftsteller eine folgenreiche Entdeckung; die Sprache widersetzte sich; sie gewährte nicht die Angemessenheit, um erfahrenes Grauen, um erlebtes Unglück darzustellen. Erklärte Dürftigkeit, Schmucklosigkeit, mit einem programmatischen Wort von damals: Kahlschlag schien das angemessene Sprachmittel, um der Erfahrungslast beizukommen.
In der Einsicht bestärkt, daß es nicht genug ist, nur in der Rolle des Warners oder Zwischenrufers aufzutreten, fanden sich deutsche Schriftsteller auch zu einer Initiative bereit, die es so noch nirgendwo gegeben hatte: sie gründeten ein Wahlkontor. Sie kamen überein, die politische Partei mit all ihren Möglichkeiten zu unterstützen, von der sie sich am ehesten die Einlösung ihrer Hoffnungen versprachen, also die SPD.
Romanciers und Lyriker, Dramatiker und wissenschaftliche Publizisten zögerten nicht, sozusagen die "Mühen der Ebene" auf sich zu nehmen, und das heißt, in Sälen und Wirtshausstuben und auf öffentlichen Plätzen langwierige Überzeugungsarbeit zu leisten. Sie taten es oft genug gegen die Bedenken eines feinsinnig-arroganten Feuilletonismus, der ihnen vorhielt, daß politisches Engagement den Stil verderbe und die Phantasie verkümmern lasse. Die um die Reinheit der Kunst Besorgten wiesen auf die Unvereinbarkeit von literarischer und politischer Tätigkeit hin. Schriftsteller hingegen bestanden auf ihrem Anspruch, als von der Politik betroffene Bürger handeln zu dürfen.
Und ihre Parteinahme beschränkte sich nicht allein auf mannigfache Beiträge zur Tagespolitik und auf die Teilnahme an Wahlkämpfen; da das politische das ganze Leben einschließt - nach einem Wort von Gottfried Keller: von der Schuhsohle bis zum Ziegel auf dem Dach -, nahm man sich seiner als selbstverständlich an im Gedicht, in der Erzählung, im Drama und im Roman. So wie es zur Verfahrenspraxis der Demokratie gehört, alles offen zur Diskussion zu stellen, so gaben die Autoren in ihrer Literatur zu verstehen, was sie mit Hoffnung erfüllte oder was ihnen Anlaß zur Skepsis oder gar zu Enttäuschung gab. Sie taten es nicht, indem sie gegen Windmühlen kämpften, an unergiebiger Theorie-Debatte teilnahmen - Theorie widersetzt sich bildnerischer Darstellung -, sondern indem sie sich etwa der Gestalt des Politikers widmeten, seinem Erscheinungsbild.
Als 1953 Wolfgang Koeppens Roman "Das Treibhaus" erschien, empfanden einige ihn als Diagnose, andere als Provokation. Obwohl der Autor versicherte, daß er keinen Bezug herstellen wollte zu Personen und Ereignissen der Gegenwart, ergab sich dieser wie von selbst, denn der Politiker Keetenheuve, ein Geschöpf von Koeppens Imagination, kam sogleich vielen bekannt vor.
Keetenheuve war elf Jahre in der Emigration, nach seiner Rückkehr wollte er nicht abseits stehen, er wurde Politiker, und es trug ihn hinauf auf höhere Entscheidungsebenen. Keetenheuve ist ein gutmütiger Dilettant, er liebt Gedichte und haßt Generalsstreifen; er sitzt im Petitionsausschuß, wo er von einem ehrenwerten Gegner zu hören bekommt, daß er ein Menschenrechtsromantiker sei, der Verfolgte sucht, Geknechtete, Leute, denen Unrecht geschehen war, nur, um sie "von ihren Ketten zu befreien". Keetenheuve, der Mann mit weißen Händen, liebt sein Land, und weil er es immer tat, fand er sich einst dazu bereit, vor englische Mikrofone zu treten, um mit Worten für den Frieden zu werben.
Es überrascht nicht, daß ihn eines Tages das umgehende Gerücht erreicht, man habe ihn seinerzeit in der Uniform eines englischen Majors gesehen - und schon zeigen sie sich: die gegeneinanderlaufenden deutschen Schicksalsli nien. Keetenheuve, der gutmütige, kontaktarme Menschenfreund, der Pazifist, der Parlamentarier, der Schwierigkeiten hat, die Sprache der Ausschüsse zu verstehen: ist er ein Verräter? Ein Mahner? Ein Störer der Gewissensruhe? Trauer und Einsamkeit warten auf ihn - nicht zuletzt, weil er erfahren muß, daß politische Freunde seltsame Freunde sind: die Gegner lassen sich kalkulieren, die Freunde kaum.
Keetenheuve, der Alleinkämpfer, hat das Gefühl, in einer Gründerzeit zu leben. Die Parteibürokratie hat sich organisiert, das Gewissen ist beschwichtigt, neue Ziele sind ausgemacht; man beschwört den Emigranten, "in der Debatte nicht zu heftig zu werden, die nationalen Instinkte nicht zu brüskieren". Nicht nur er hat es mit seinen Freunden schwer, sondern auch sie mit ihm. Seine fulminante Rede gegen die Wiederbewaffnung bleibt echolos. Man will ihn abschieben, auf einen idyllischen Gesandtenposten in Guatemala, doch er geht auf das Angebot nicht ein: überzeugt davon, daß sein Handeln zwecklos ist, sucht er sich ein anderes Ende aus.
Daß der Politiker Keetenheuve die Sympathien seines Autors besitzt, ist offenkundig; desgleichen scheint Koeppen die Resignation seines Protagonisten zu teilen. Für beide - das ist das Fazit - war der Traum von einem neuen Anfang ein vergeblicher Traum. Keetenheuve wollte nicht klug handeln, er wollte nur seinem Gewissen folgen - "die Verhältnisse hatten ihn besiegt".
Was ist ein Mensch ohne Trauer im Gesicht, fragte Böll einmal, und er meinte die Trauer, die die Verhältnisse einem nur übrig lassen. Auch er, auch Heinrich Böll empfindet den heimgekehrten Emigranten gegenüber einen selbstverständlichen Respekt, und wie Koeppen sieht er sie auf der Seite der Enttäuschten und Verlierer. In den "Ansichten eines Clowns" regt sich sein Held Schnier über die Gutgläubigkeit und Harmlosigkeit der Emigranten auf. "Sie waren so gerührt von all der Reue und den laut hinausposaunten Bekenntnissen zur Demokratie, daß es dauernd zu Verbrüderungen und Umarmungen kam." "Große Sachen zu bereuen", sagt er, "ist ja kinderleicht: politische Irrtümer, Antisemitismus - aber wer verzeiht einem, wer versteht die Details?"
Immer war es eine Aufgabe der Literatur, sich des leidenden und ratlosen Menschen anzunehmen, darzustellen, was ihn machtlos, verzweifelt und unversöhnt sein läßt in der Welt; Heinrich Böll folgt nur diesem alten Auftrag. Konsequenter als jeder andere Nachkriegsschriftsteller nennt er die Gründe, die uns unversöhnt lassen. Er sucht sie in Ministerien, in bischöflichen Ordinariaten, in Kasernen und Amtsstuben und hochmögenden Klüngeln - überall da, wo über Menschen verfügt wird. Die Gegenwehr der Machtlosen besteht in einer herausfordernden Leidenswilligkeit: sie wollen nicht "vorwärtskommen", vielmehr bestehen sie darauf, ihren leidvollen Erfahrungen die Treue zu halten. Und mit dieser Haltung stellen sie eine Wirklichkeit bloß, die das Leiden durch Vergeßlichkeit korrumpiert hat.
Wie aber erscheinen die anderen, die Auserwählten, die sogenannten hohen Tiere, die solch eine Gegenwehr provozieren? In "Frauen vor Flußlandschaft", 1985, porträtiert Heinrich Böll den Minister Plukanski, den manche Apfelwange nannten und von dem eine Maskenbildnerin bemerkte, daß er nicht geschminkt zu werden brauchte, da er immer geschminkt sei. Das fiktive Porträt ist für eine Wahlkampfbroschüre gedacht; der Autor bittet zur Teilnahme an der Herstellung eines Politikers.
Minister Plukanski: Der familiäre Hintergrund ist sorgfältig geschönt. Obwohl belegt werden kann, daß der Dorfpfarrer dem Jungen Lateinunterricht gab, ihn aufs Gymnasium und später ins Konvikt geschickt hat, wird auf Fotomaterial verzichtet, einfach, weil man eingesehen hat, daß konfessionelle Elemente als politisches Werbemittel heikel sind.
Ein Foto, das Plukanski als Fahnenjunker zeigt, erscheint hingegen in der Wahlkampfbroschüre, zusammen übrigens mit sogenannten Lausbubengeschichten, die bekanntlich jede Biographie hübsch umranken. Und da es in seinem Wahlkreis eine nennenswerte Fahrradindustrie gibt, erscheint auch ein Foto mit der Unterschrift "Radwandern, das war schon früh seine Leidenschaft". Daß er als Soldat tapfer, doch schon früh entsetzt war über die Kriegsziele, versteht sich von selbst. Aus wohlerwogenem Grund findet der Minister auch Erwähnung als "Herzensbrecher"; denn es gibt "geheimnisvolle Gesetze, nach denen Weibergeschichten dem einen Politiker nützen, dem anderen schaden... Christlichen Politikern nützen sie fast immer, linken nie."
Verheiratet ist Plukanski mit einer Gräfin Auel, Landadel: Forellenzucht, Hundezucht, Obstplantagen. Was die beiden verbindet, ist angeblich das christliche Erbe. Plukanski ist selbstverständlich tadellos programmiert, auf Knopfdruck äußert er sich ebenso geläufig über Kernkraft wie über Steuerreform. Seine Stimme gleicht der von Mario del Monaco. Er ist ein Mann von erstaunlicher Hohlheit, doch er besitzt die Fähigkeit, alles zu seinem selbstverständlichen Besitz zu machen, was sein Redenschreiber ihm anliefert, und das, heißt es im Text, "war die Fähigkeit, die ihn für die Partei unersetzlich machte: Stimme, Gestik, Aussehen" - und die endgültige Besitzergreifung fremder Gedanken und Formulierungen und Erkenntnisse. Daß auch über ihn ein Gerücht aufkommt, das seinem Blutdruck nicht gerade förderlich ist, erstaunt kaum noch. In Bonn - so gibt Böll zu verstehen - haben nicht wenige Biographien romanhaften Charakter. Im "Clown" heißt es einmal: "Bonns Schicksal ist es, daß man ihm sein Schicksal nicht glaubt."
Wann immer Heinrich Böll in seinem umfangreichen Werk Politiker porträtiert oder charakterisiert: auf ein einnehmendes oder gar schmeichelhaftes Bild wird man vergebens warten; zu nachhaltig ist die Erbitterung des Autors über erlebten Opportunismus, über zynische Argumente, mit denen die Restauration gerechtfertigt wird.
Wolfgang Hildesheimer hat in seinem Roman "Tynset", 1965, in diesem bewegenden Monolog eines schlaflosen Bekenners, das Porträt eines Politikers aus einem einzigen Augenblick entstehen lassen. Es ist der Moment, in dem ein deutscher Verteidigungsminister den Ring eines Kardinals küßt. Die beiden Hochgestellten begegnen sich auf einem Flugplatz im Beisein von Zeugen; die Zufälligkeit der Begegnung ist vermutlich auf unbeweisbare Art arrangiert. Aus der Distanz betrachtet, hat es den Anschein, als wollten beide das gleiche Flugzeug besteigen, das sie "irgendeinem gemeinsamen irdischen Ziel entgegen" bringt.
Um dem Identifizierungsbedürfnis des Lesers ein Angebot zu machen, beschreibt Hildesheimer die Einleitungsphase des Kusses so: "Der Minister hält in der linken Hand seinen schwarzen Hut und die schon im Schreiten abgenommene Sonnenbrille. Mit der rechten hebt er, mit angewinkeltem Arm, die rechte Hand des Kardinals auf eine Höhe, die es ihm erlaubt, bei leichtem Einziehen des Kopfes, leichter Verkürzung des ohnehin kurzen Halses, ohne allzu stark geneigte Haltung, die ihm Ehrerbietigkeit zwar gebietet, der Umfang seiner Körpermitte jedoch nicht gestattet, den Ring in die Nähe seines Mundes zu bringen."
So beginnt die Momentaufnahme eines Kusses, die, empfindlich interpretiert, kaum einen Zweifel daran läßt, was hier in Wahrheit geschieht. Die Augen des Verteidigungsministers sind nicht geschlossen, sondern haben sich nur zu einem Schlitz verengt, und sie sind auf den Ring gerichtet, als schätzten sie seinen symbolischen Wert. Von den Lippen heißt es, daß sie "nicht etwa zum Kuß gespitzt" sind, sondern lächeln und so den "verschmitzten Ausdruck des Gesichts" bestimmen, der wiederum die "Gesamtfigur in ihrem Umriß der Demut Lügen straft". Was der festgehaltene Augenblick enthüllt, ist das Vergnügen des Politikers an der Gelegenheit, "in einem Zentrum des Verkehrs, vielen Augen sichtbar, einer frommen Pflicht nachzukommen und eines wenn auch nur beiläufig erteilten Segens teilhaftig zu werden. (Auch Max Frisch hat den lächelnden, den schmunzelnden Politiker beschrieben, er nannte es den "Image-Krampf vor der Kamera".)
Nicht weniger aufschlußreich ist übrigens auch das Lächeln des Kardinals - ein Lächeln mit automatisch mechanischem Verschluß -, es legt unter anderem die Vermutung nahe, daß der Kardinal ermüdet sei im Geschäft des Verzeihens, dabei aber sein eigenes Ziel durchaus mit Härte verfolgt. Dennoch, plötzlich schimmern die Konturen einer Allianz auf: Die Verwalter christlich-abendländischer Ideale finden zu einem Interessenvergleich mit dem Wortführer einer starken Armee, und siehe, da könnte sich einiges synchronisieren lassen. Der Verteidigungsminister küßt den Ring des Kardinals: Auch wenn Gott selbst nichts dagegen haben sollte - diese Szene kann man schwerlich mit Wohlgefallen quittieren. Günter Grass ist ebenfalls überzeugt davon, daß dieser Verteidigungsminister jedes Bündnis eingeht und nicht nur deshalb verhütet werden muß. Daß er und Hildesheimer denselben Minister im Auge haben, steht außer Zweifel.
Indes, die deutsche Nachkriegsliteratur gefiel sich keineswegs darin, den Politiker nur mit pflichtgemäßem Argwohn zu begleiten und ein Bild von ihm zu entwerfen, das zu Vorbehalt und Skepsis nötigte. Überzeugt von der Vertrauenswürdigkeit einer Person, zögerte der Schriftsteller nicht, für den Politiker einzutreten, ja, für ihn zu werben - allerdings nicht mit der Stimme der Nachtigall, sondern sachlich und bemüht, die Gründe des Vertrauens zu nennen.
Günter Grass hat dafür ein Beispiel gegeben im "Tagebuch einer Schnecke" von 1972. Er begnügt sich mit gewichtigen Anspielungen, wenn er den Politiker seiner Wahl porträtiert, und das heißt: Auch manches Argument seiner Zustimmung will entschlüsselt werden. Die Begegnung findet auf dem Hamburger Hauptbahnhof statt, im Salon eines Sonderzugs, doch da herrschen weder Distanz noch zur Schau getragene Würde, im Gegenteil: Der Politiker ist kaputt, er hat Schmerzen, und er bittet den Besucher, sich nicht durch die Arbeit eines Masseurs, der auch Sicherheitsbeamter ist, stören zu lassen. Der Sicherheitsbeamte "walkt Schultern und Halsansatz" des Politikers, der gerade sieben Wahlreden hinter sich hat. Der erste Blick läßt den Einsatz und die Mühsal politischer Überzeugungsarbeit ahnen, einer Arbeit, die der Autor aus eigener Erfahrung zur Genüge kennt. Der Politiker ist heiser, rauchend erzählt er Witze, als wolle er Schutz suchen hinter dem Gelächter. Diese Schutzbedürftigkeit entgeht dem Schriftsteller nicht, denn er weiß nur zu gut, was der Mann, der seine Hoffnungen trägt, aushalten muß; er kennt die Verleumdungen, die Niedertracht des politischen Gegners, ihm sind die Versuche bekannt, die Biographie des Politikers zu entstellen, und schließlich erinnert er sich auch an vergangene Niederlagen.
"Verschnürte Pakete": mit diesen Worten umfaßt Günter Grass die Vergangenheitslast, die er im Hintergrund sieht. Im Vordergrund, sagt der Autor, bleibt der Politiker jemand, "der von weit herkommt, zwar dasitzt, aber noch nicht da ist, zwar erkennbar im Umriß, aber vage in Einzelheiten". Dieser verzögerten Gegenwärtigkeit entspricht die verzögerte Rede; der Politiker scheut sich, ich zu sagen, er ist - vielleicht, um zu schonen - ein Liebhaber der Umschreibung, wobei er Ungenauigkeit in Kauf nimmt. "Personen (auch große) sieht er entschärft, hinter Milchglas gestellt."
Obwohl die Unterschiede zwischen dem Schriftsteller und dem Politiker auf der Hand liegen, gibt es etwas, das sie verbindet; in der Terminologie des Autors sind es die "nationalen Wackersteine" - was so viel heißt: daß dieser Politiker unser aller Vergangenheit bewegt, derart, daß sie nicht zu glimpflich vergeht. Und um die Gründe des Vertrauens aufzuzählen: Grass hat sie in einer gemeinsamen Sache gefunden: "Hat bläulich mit Zukunft zu tun, wird mit oxydierter Vergangenheit aufgewogen, macht graustichige Gegenwart aus." Diese angewandte politische Farbenlehre allein genügt, um zu wissen, welcher zeitgenössische Politiker gemeint ist. Jedenfalls, die Sympathieerklärung, so verknappt und verkappt sie auch sein mag, ist unüberhörbar.
Wie selbstverständlich sich die Nachkriegsliteratur der Politik annahm - und damit die Bedeutung des Politischen hervorhob -: auch die Schriftsteller aus der DDR gaben dafür manchen aufschlußreichen Beleg. Das war auch insofern unausbleiblich, als das "Politische" zum Primat des Lebens avancierte und ein verordnetes politisches Bewußtsein sich in allen Bereichen manifestierte - oder dieses doch zu tun hatte. Übermächtig bis zur Monstrosität, ideologiegesättigt und in Stereotypen eingebunden, forderte politische Realität den Schriftsteller zur Kritik heraus, ließ hinter seiner Kritik einen Gegenentwurf ahnen oder zumindest einen "Akt der Augenöffnung" entstehen. In der Parabel verborgen, kostümiert in historischer Erzählung, wird zum Tag gesprochen, doch es gibt auch Zeugnisse von bewundernswerter Schärfe und Eindeutigkeit, die jede Auslegung überflüssig machen, jede angewandte Lektüre.
Das Porträt des mächtigen kommunistischen Politikers Wilhelm Urack, das Stefan Heym in seinem Roman "Collin", 1979, entwirft, läßt nichts offen. Das Erscheinungsbild dieses Politikers ist auf eine so abgründige Weise typisch, daß man als Leser diesen Mann von irgendwoher zu kennen glaubt.
Urack liegt - wie der Schriftsteller Collin - in einem Krankenhaus für Privilegierte; sie kennen sich seit langem, sie haben einst in den Internationalen Brigaden in Spanien gekämpft, sie wissen viel übereinander, beargwöhnen und mißtrauen sich, und jeder hofft, den anderen zu überleben. Daß er gehaßt und gefürchtet wird, macht Urack, dem Revolutionär, nichts aus; er, der allen Zweifeln abgeschworen hat, setzt auf Gewalt; mit Gewalt will er die Menschen zu ihrem Glück zwingen. Was für ihn spricht: Er gehört zu der alten Garde, die zu ihrer Zeit manches Opfer gebracht hat, damals, als der Faschismus ganz Europa bedrohte.
Nun ist er Herr über einen mächtigen Apparat, er ist Teil der Staatsmacht, er hat viele in seiner Hand, selbst den behandelnden Arzt. Doch dieser barsche, harte, dem Whisky zugeneigte Mann, der kranke Revolutionär im Schlafrock, der auch jetzt noch glaubt, für andere denken und handeln zu müssen, er fürchtet sich. Einmal heißt es: "Einer allein ist sicher, der zweite verrät dich schon." Stefan Heym läßt keinen Zweifel daran, daß Machterhalt für diesen Politiker das Wichtigste ist. Um Macht zu sichern, vereinfacht er sich die Welt, verfällt er dem probaten Frontdenken: Wer nicht auf unserer Seite steht, wer sich nicht fügt und ja sagt, gehört zur Opposition. In der ererbten Ausdrucksskala des Politikers gehören zur Opposition zweiflerische, konterrevolutionäre, kleinbürgerliche, arbeitsscheue und anarchische Elemente. Ihnen gegen über ist jedes "Versöhnlertum" unangebracht; Zugeständnisse sind nur unerwünschte Ermutigungen. Dieser Haltung entspricht die auftrumpfende Irrtumslosigkeit des Politikers: Was immer er beschließt, verordnet, befiehlt - es kann nicht falsch sein, denn "wie könne falsch sein, was für die Diktatur des Proletariats getan werde?".
Er, Wilhelm Urack, ist keine einmalige Erscheinung; die Politik, die er vertritt, scheint vielmehr einen typenbildenden Zwang auszuüben, so daß man, mit leichten Schattierungen und Variationen, immer wieder seinesgleichen begegnet. Durchsäuert von derselben Ideologie, zurechtgebogen von ähnlichem Lebensschicksal, der Partei hörig, die alles rechtfertigt, nehmen diese Figuren repräsentativen Charakter an. Sie repräsentieren den Kommunismus, - "das Einfache", wie Brecht gesagt hat, "das schwer zu machen ist".
Solch ein Repräsentant ist ohne Zweifel auch Herbert Beerenbaum, eine der beiden Hauptfiguren in Monika Marons Roman "Stille Zeile Sechs" von 1991. Der einst Mächtige lebt selbstverständlich in einer Siedlung für Privilegierte. Seine Schreibhand ist gelähmt. Da er es für unerläßlich hält, seine Memoiren zu verfertigen, engagiert er eine Historikerin, der er sein beispielhaftes Leben diktieren möchte. Anfangs verläuft die Arbeit nahezu harmonisch, doch allmählich begreift die Historikerin, daß der Mann, der ihr seine Biographie auftischt, zu den Tätern gehört, die, um ihre Dogmen und Ideale zu realisieren, das Leben vieler deformiert und unerbittlich verbraucht haben - auch ihr eigenes Leben. In ihrer Abneigung erscheint ihr der Mächtige als Froschlurchgesicht, in dem sie einen ebenso vertrauten wie verdächtigen Ausdruck findet: neben Selbstbewußtsein und Willensstärke Anmaßung und Borniertheit.
Außerdem, so heißt es, "eine Müdigkeit zwischen Augen und Kinn, die weniger vom Alter gezeichnet schien als von Ekel und Abwehr". Beerenbaum verkörpert so sehr einen bekannten Typ, daß die Historikerin sich in der Lage glaubt, seine Biographie zu erraten. Selbstverständlich stammt er aus einer Proletarierfamilie, selbstverständlich trat er früh in die Partei ein, lernte die Bitterkeit des Exils kennen - freilich nicht in Mexiko oder Frankreich, sondern in Moskau. Das Hotel Lux, die "Todesfalle", ist ihm bekannt. Man sagt ihm nach, ein "unnachgiebiger Stalinist" gewesen zu sein.
Immer gereizter durch Beerenbaums Selbstdarstellung, immer empörter von diesem Eigenlob, sammelt die Historikerin ihre Argumente zu einer General-Anklage. Was sie dem Mächtigen entgegenzuhalten hat, betrifft keineswegs nur ihn allein. "Ihr habt Hirnmasse konfisziert, weil ihr selbst zu wenig davon hattet", sagt sie und fügt hinzu: "Im nächsten Jahrhundert hättet ihr sie amputiert und an Drähte gehängt, um die Gefängniskosten zu sparen. Hirneigenschaft statt Leibeigenschaft, ihr Menschheitsbefreier." Und sie erspart ihm zum Schluß nicht den Vorwurf, Sklavenhalter zu sein "mit einem Heer von Folterknechten". Das Bewußtsein, Opfer zu sein, das persönliche Opfer dieses Mannes, läßt sie nicht vor dem letzten Gedanken zurückschrecken - Beerenbaums Tod zu wünschen.
Literatur kritisiert, indem sie darstellt. Mit dem Befund "So ist es" macht sie uns aber gleichzeitig das Angebot, zu fragen: Wie könnte es sein? Sie legt uns nahe, andere Möglichkeiten zu erwägen. Sie wirbt für doppelte Wahrnehmung, und das heißt, konkrete Wirklichkeit und die vorgestellte Möglichkeit werden als zueinander ge hörend empfunden und offenbaren so ihren Bezeichnungscharakter. Anders ausgedrückt: Literatur bringt uns Gesicht und Maske gleichzeitig ins Blickfeld.
Um zum Tag zu sprechen oder Auskunft zu geben über die jeweilige Lebenslage des Menschen, sahen Schriftsteller sich oft gezwungen, Umwege zu wählen, Tarnungen, unbelangbare Verkleidung. Beliebteste und ergiebigste Form war und ist allemal die Parabel: Indem man ein Ereignis, eine Situation entrückt, schärft sie unsere Empfindlichkeit für Nähe. Sie wird zum Verständigungsmittel.
In seinem Band "Versuchte Nähe" von 1977 demonstriert Hans Joachim Schädlich die erkenntniskritische Eigenschaft der Parabel. Das Prosastück heißt: "Besuch des Kaisers von Rußland bei dem Kaiser von Deutschland". Das Doppelporträt der Politiker, das hier zum Vorschein kommt, nötigt geradezu, es auf die Gegenwart anzuwenden. Die Begegnung der Majestäten findet in Breslau statt; auch wenn keine Bruderküsse ausgetauscht werden - die Begrüßung verläuft ungemein herzlich.
Schädlich hält sich strikt an die Beschreibung dieses mit obligatem Glanz inszenierten Ereignisses, und je ausdauernder und minutiöser er es tut, desto heller scheint Ironie auf und ruft uns die Bilder in Erinnerung, die wir eben noch wahrgenommen haben bei einer Begegnung der Mächtigen aus Berlin und Moskau. Klar, daß die Majestäten sich dem Volk zeigen, daß das Volk begeistert ist, singt und winkt; Sprechchöre lassen sich hören, der Jubel ist einwandfrei. "Kaiserliche Beamte in Zivil" sorgen für Sicherheit.
Der Kaiser von Rußland ist besorgt über die Entwicklung im fernen Osten und über die Aktivitäten von Anarchisten und Nihilisten, für die ihm die Bezeichnung "Abschaum" einfällt. Der Kaiser von Deutschland, allzeit bereit, seinem Besucher in jeder Hinsicht recht zu geben, schlägt unter anderem vor, den Abschaum auf Lebenszeit in ein Irrenhaus zu sperren. Sie, die deutsche Majestät, sieht eine eigene Gefahr: Diese Gefahr erwächst dem "monarchistischen Prinzip durch allerdings dringliche Beziehungen zur benachbarten Republik". Republikanische Ideen bedrohen die Monarchie. Schon gibt es unter loyalen Untertanen etliche Sympathisanten. Der deutsche Kaiser möchte dafür sorgen lassen, "daß unsere Leute die Republik nicht allzusehr lieben"; sein Besucher erinnert daran, daß sie gemeinsam andere dazu bringen können, "unsere Ansichten anzunehmen". Die Majestäten attestieren einander, ein Hort des Friedens zu sein; zum Abschied küssen sie sich dreimal.
Eine beiläufige Analogie in dem vorgeblich historischen Bericht verweist auf die gegenwärtige Lage; sprachliche und geographische Anspielung verleihen dem Bericht plötzlich Aktualität. Allein die Ersetzung des Wortes monarchisch durch ein naheliegendes Wort genügt, um das gesamte Ereignis einschließlich der formelhaften Rhetorik zu entschlüsseln. Die deutsche Majestät ist sich darüber im klaren, daß der eigene Machterhalt nicht möglich ist ohne den Beitrag des Kaisers von Rußland; entsprechend unterwürfig fällt die Dankadresse aus. Jedenfalls hat der Gipfel zu der Einsicht geführt, daß man einander braucht und daß, vor allem, nur die weiter bestehende eigene Herrschaft den Frieden sichert. Interessengleichheit wird bestätigt und gefeiert.
Auch in Uwe Johnsons Roman "Das Dritte Buch über Achim" von 1961 werden zwei Politiker gekennzeichnet, die allerdings nicht durch gemeinsame Interessen verbunden sind. Der westdeutsche Kanzler und der erste Mann der DDR, der lediglich "Sachwalter" genannt wird: sie werden an den Konsequenzen ihrer Politik gemessen. Ihr Bild entsteht im Widerstreit unterschiedlicher Ansichten.
Karsch heißt einer der Wortführer, er ist ein westdeutscher Journalist, der mit der Absicht in die DDR fährt, ein Buch über den berühmten mitteldeutschen Radsportler Achim T. zu schreiben. Karsch erkundet also das Leben des Berühmten, spricht mit dessen Freunden und Kollegen, sieht ihm beim Training zu und beim Rennen und spricht immer wieder mit ihm selbst. Das Buch soll mit der Wahl des Radrennfahrers in die Volkskammer enden - letzter Ausdruck für die engen Beziehungen von Sport und Politik.
Achims Glaubensbekenntnis, wonach einer "sich nicht mit dem eigenen Leben zufriedengeben darf, sondern sich beteiligen muß an der Gesellschaft", quittiert Karsch noch mit gewissem Verständnis; erst allmählich geht ihm auf, wie sehr das offizielle Denken das private durchdrungen hat und wie sehr ihre Urteile über das Leben hier und da voneinander abweichen. Für Achim ist der Sachwalter ein Vorbild, für Karsch ein Politiker, dem die Sieger einen "Staat gaben zu bauen nach den Lehren zweier Soziologen aus dem neunzehnten Jahrhundert und dem Vorbild der Sowjetunion".
Ihm, dem westdeutschen Karsch, erscheint der Sachwalter als unbarmherziger Herrscher, der die Menschen um Wahlrecht und Mitsprache betrog. Statt sie an der Verwaltung des Staates zu beteiligen, "prügelte er sie in seine Vorschriften". Er hetzte sie für die Verbreitung der Wahrheit - er preßte sie in seine Armee. Er "sperrte sie ab vom westlichen Deutschland" und schändete, wie es heißt, "ihr tägliches Leben mit gezinkten Theorien, so daß die Wirklichkeit so erbärmliche Kinder bekam wie schlampige Produktion, Flüchtlingslager, gehorsame Angst".
Uwe Johnson, der wie kein anderer Schriftsteller die Spaltung Deutschlands zu seinem Thema gemacht hatte, beläßt es jedoch nicht bei diesem indirekten Sachwalter-Porträt. In einer Art Gegenspiegelung überprüft er das Bild des westdeutschen Kanzlers, freilich aus der Perspektive des Radrennfahrers Achim. Es verwundert nicht, daß Achim mit jedem Argument auch dessen Herkunft preisgibt. Vom westlichen Teil Deutschlands wird gesagt, daß sein Staat gegründet sei auf der "wechselhaften Gesundheit des Kapitals".
Der Kanzler gehört zu einer christlichen Partei, seine Tätigkeit besteht unter anderem darin, mit den Machthabern von Industrie und Gewerkschaft zu feilschen, und zwar hinter dem Rücken des Parlaments. Entgegen seinem Schwur ließ er die Verfassung ändern, um die Wehrpflicht durchzusetzen; außerdem band er sein Land durch Militärverträge an die westlichen Sieger. Dieser Kanzler läßt sich von einem Mann beraten, der schon Hitlers Politik gerechtfertigt hat. Er läßt Richter Recht sprechen, die oft genug Unrecht gesprochen hatten. Er scheut sich nicht, Generale in der Armee zu beschäftigen, die "die Hand gehoben hatten vor einem Hitler". Schließlich erlaubt er auch seinem Außenminister, Bertolt Brecht öffentlich mit einem Zuhälter und Schläger zu vergleichen.
Welch ein Bild gewinnt man aus einem Vergleich dieser deutschen Politiker? Und wer von diesen bleibt zweifelsfrei? Dem Schriftsteller, so scheint es, geht es hier weniger um die Frage, unter wessen Regierung man lieber leben möchte, als vielmehr darum, zu demonstrieren, in welchem Maße die Perspektive unser Urteil bestimmt. Wo eine Grenze verläuft, da gibt es zwei Ansichten. Die Spaltung beeinflußt bereits die Selbstdarstellung. Und weil es keine Übereinkünfte im Bewerten von Realität gibt, wird das Buch über den Rennfahrer Achim nicht geschrieben; Karsch scheitert.
Wie immer der Politiker in der deutschen Nachkriegsliteratur erscheint - er selbst gab nicht selten Anlaß zu seiner problematischen Erscheinung. Gewiß lassen sich in manchen Porträts karikaturhafte Züge nicht übersehen, bewußte Überzeichnungen, doch die dienen nur dazu, das Wesentliche hervorzuheben. Gewiß verbirgt sich in manchem Erscheinungsbild ein moralischer Rigorismus, doch der ist allemal gerechtfertigt als Forderung an einen Menschen, von dessen Wirksamkeit die Umstände des Lebens abhängen.
Unbedingte Kompromißlosigkeit: sie ist ein Prinzip der Kunst; es ist klar, daß dieses Prinzip nicht auf die Politik übertragen werden kann, in der Kompromißbereitschaft sehr viel bedeutet. Was aber die Kunst vermag, das ist: an Maßstäbe zu erinnern, die auch in der Politik gelten sollten. An Maßstäbe erinnern heißt ja aber auch: Fragen stellen, besorgte kritische, womöglich strategische Fragen, denen man, wie Max Frisch es sich wünschte, nicht entkommen kann.
Siegfried Lenz
Hierbei handelt es sich um einen Artikel, der zuvor in der FAZ erschienen ist. Wir denken, dass dieser Artikel nicht in einem Archiv ungenutzt bleiben sollte, sondern die Öffentlichkeit hieran Anteil nehmen sollte. Deswegen haben wir bei der FAZ auf unsere Kosten die notwendigen Rechte erworben. (c) Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.08.1995, Nr. 198, S. B1 Zur Verfügung gestellt von www.faz-archiv.de.