»Von Liebe und Vergänglichkeit«

Glücksvermittler: Warum Gedichte die Zeit besser überstehen als alle Tempel und Paläste

Von Marcel Reich-Ranicki

Brauchen wir Gedichte, brauchen wir sie wirklich? Und wenn ja - wozu eigentlich? Was darf man denn von ihnen erwarten? Was können sie leisten? Das sind Fragen, über die schon oft nachgedacht wurde. Also, wenn man so sagen darf, lauter alte Hüte? Mag sein, aber immer noch nicht überflüssig, zumal keine Antwort ganz zu befriedigen vermag. Sollten diese Schwierigkeiten mit dem Wesen der Lyrik zu tun haben?

Bei Schiller findet sich in der Abhandlung "Über die ästhetische Erziehung des Menschen" ein überraschendes Bonmot: "Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." Wie alle Bonmots ist auch dieses, mit Verlaub, kräftig überspitzt. Unser Schiller selber räumte sofort ein, seine lapidare Äußerung könnte paradox erscheinen. Was ihn natürlich nicht hinderte, sie zu verteidigen - so geschickt wie leidenschaftlich.

Ich liebe den Autor des "Don Carlos" seit meiner Jugend, und auch jetzt bin ich gern bereit, ihm zu folgen, ihm zuzustimmen. Allerdings: Das Wort "Spiel" ist vieldeutig und bezieht sich auf sehr Unterschiedliches. Wie wollte es Schiller verstanden wissen? Hatte er etwa - das ist nur eine Vermutung, vielleicht eine von mehreren Möglichkeiten - die Kunst im Sinn, die Poesie?

  • Marcel Reich-Ranicki, der Artikel wurde der Deutschen Literaturgesellschaft zur Verfügung gestellt vom Archiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
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Denn die Poesie, das ist doch zunächst und vor allem ein heiteres und zugleich ein sehr ernstes Spiel. Es schwankt zwischen dem Spaßhaften und dem Feierlichen, dem Närrischen und dem Erhabenen. Es ist ein uraltes und sich stets aufs neue verjüngendes Spiel. Wir leben in der Epoche der Computer, wir erobern den Weltraum. Trotzdem werden unentwegt und überall Gedichte geschrieben und gedruckt und, siehe da, ziemlich massenhaft gelesen. Die Dichtung hat kein Ende.

Was will sie? Oder vorsichtiger gefragt, was versucht sie? Sie besingt unser Dasein. Schon wahr - und mehr nicht? O doch: Sie ist kühn genug, zugleich und insgeheim zu protestieren. Mehr noch: In der Lyrik, der zartesten und intimsten, der anmutigsten und übrigens auch der subjektivsten Gattung der Literatur, ist stets auch ein Element des Aufruhrs verborgen, ja der regelrechten Rebellion - und nur auf den ersten Blick scheint dies verwunderlich.

Irgendwann erkennt jeder Mensch, daß er irgendwann sterben wird. Daß das Leben vergänglich ist, daß wir alle sterben müssen, erkennt man es schon in der Jugend? Wohl eher später. Aber das ist nicht immer der Fall. Viele Poeten beispielsweise sind für diese simple und traurige Einsicht sehr früh empfänglich. Ich habe nie in meinem Leben ein Gedicht verfaßt, nie mich bemüht, auch nur eine einzige Strophe zu schreiben. Doch wurde mir diese Einsicht leider erschreckend schnell zuteil. Richtiger, ich wurde mit ihr geschlagen.

Es mag recht komisch, geradezu lächerlich klingen, aber so war es: Als ich in einem Berliner Gymnasium von der Obertertia in die Untersekunda (so hießen die Klassen damals) versetzt wurde, überfiel mich plötzlich - ich glaube, es war während eines einsamen Spazierganges irgendwo im Grunewald - der schlichte Gedanke, daß ich nie wieder Tertianer sein würde. Das war nun also vorbei, endgültig vorbei. Na und?

Bedauert habe ich diese Tatsache nicht im geringsten, im Gegenteil, ich war darüber wie jeder andere Schüler froh und glücklich. Es ging sichtlich voran. Aber mit einem Mal kam mir ein Wort in den Sinn, das bis dahin nicht zur Sprache meines Alltags gehörte: das Wort "Vergänglichkeit". Ich kannte es vom Titel eines Gedichtes von Hofmannsthal, das ich einige Monate zuvor gelesen und das mich - ich wußte damals nicht, warum - entzückt und ergriffen hatte. Jetzt, als Untersekundaner, begriff ich plötzlich, was Hofmannsthal meinte, als er in diesen "Terzinen über die Vergänglichkeit" sagte, "daß alles gleitet und vorüberrinnt".

Ich wurde unsicher und ratlos, ich fürchtete mich, und da war wohl auch noch Angst und ein Anflug von jugendlicher Schwermut. Ich spürte dies von Jahr zu Jahr deutlicher, zumal es für mich besonders schwere Zeiten waren. In Deutschland hingen beinahe überall und beinahe immer Hakenkreuzfahnen, und ich gehörte zu den Ausgestoßenen, den Verfemten. Mit Arbeit und Musik und, vor allem, mit viel Literatur ließen sich diese düsteren Anwandlungen wenn auch nicht ganz überwinden, so immerhin verdrängen. Auch hier kam der Poesie eine wichtige Rolle zu.

Ich las, wahrscheinlich mehr oder weniger wahllos, Verse von Goethe und Schiller, von Eichendorff und Heine, von Storm und Rilke und noch von anderen Autoren. Später fiel mir ein Lesebuch in die Hände, es hieß übrigens "Deutsches Erbe", in dem ich Gedichte von Poeten aus einer viel früheren Epoche fand - unter anderem von Andreas Gryphius und von Christian Hofmann von Hofmannswaldau.

Sie alle, ob sie nun wie Rilke beinahe Zeitgenossen waren oder wie Gryphius und Hofmannswaldau vor Jahrhunderten gelebt hatten, verhalfen mir zu einer Entdeckung. Getroffen, wenn nicht aufgeschreckt hatte mich in den Versen dieser Dichter das immer wieder ausgedrückte Ineinander und Miteinander von zwei Themen: Liebe und eben Vergänglichkeit.



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Noch war mir nicht aufgegangen, daß es sich hier zwar um zwei verschiedene Urerlebnisse handelt, daß sie sich aber keineswegs säuberlich voneinander trennen lassen. Noch war mir nicht bewußt, daß man zwar über die Vergänglichkeit schreiben kann, ohne auf die Liebe einzugehen, aber nicht über die Liebe, ohne zugleich über die Vergänglichkeit zu sprechen, genauer: zu klagen.

Wir seien dazu da, "das Vergängliche unvergänglich zu machen", so heißt es, knapp und sehr entschieden, in Goethes "Maximen und Reflexionen". Auf wen zielte Goethe hier ab, wen meinte er mit dem Wort "wir"? Etwa auf die Dichter? Man muß es zugeben: Horaz, der vor zwei Jahrtausenden stolz erklärte, er habe mit seinen Oden ein Denkmal errichtet, dauerhafter als Erz - geirrt hat er sich nicht. Gedichte, sprachliche Gebilde, geschaffen aus dem flüchtigsten Material, aus Worten, können die ununterbrochen vergehende Zeit besser überstehen als die prächtigsten Tempel und Paläste.

Der Poesie ist es gegeben, Empfindungen und Stimmungen zu benennen und festzuhalten. Und indem sie seelische Vorgänge ausdrückt, wirkt sie zugleich seelisch befreiend. Doch können wir von den Poeten nicht erfahren, was die Welt im Innersten zusammenhält. Belehrung und Aufklärung mag man bei den Philosophen oder den Naturwissenschaftlern suchen, für Trost und Zuspruch sind die Theologen oder die Psychoanalytiker zuständig, wenn nicht die Psychiater. Gewiß, man kann dies alles, wenn man es darauf anlegt, nicht selten auch der Poesie abgewinnen. Doch haben die Dichter anderes zu bieten. Um es mit einem einzigen Wort zusammenzufassen: ihre Leiden. Von ihnen sprechend, sprechen sie von unser aller Leiden.

Wir verdanken den Poeten überdies, wonach wir uns alle sehnen: Schönheit. Allein durch ihre Existenz kommt die Lyrik unserem Abscheu vor dem Chaotischen entgegen. Oder dürfen wir gar sagen, unserem Bedürfnis nach Ordnung? Dies jedenfalls ist sicher: Wer dichtet, der widersetzt sich der Willkür und dem Chaos. Dichten heißt ordnen. Selbst wenn sie den Untergang verkündet, wenn sie dem Tod huldigt, wenn sie den Zerfall besingt - dementiert die Dichtung, ob sie es will oder nicht, den Untergang, den Tod, den Zerfall. Die Poesie ist, indem sie sich der Vergänglichkeit widersetzt, stets auch Lebensbejahung.

Unsere Welt verändern kann der Poet nicht. Aber er kann sie reicher und reizvoller machen. Also auf diese Weise vielleicht doch, zumindest ein wenig verändern? Mozart und Schubert hatten auf den Lauf der Dinge keinen Einfluß, nicht den geringsten. Indem sie jedoch zur vorhandenen Welt ihr Werk hinzufügten, wurde die Welt eine andere: Sie wurde nicht nur erträglicher, sie wurde berückender und berauschender. Darf man dies auch für die Kunst in der Nachbarschaft der Musik, für die Poesie in Anspruch nehmen? Sie vermag, immerhin, das Individuum aus seiner Gleichgültigkeit zu reißen und sogar aus den herkömmlichen Denkbahnen. Sie kann bewirken, daß der Mensch zum Augenblicke sagt: "Verweile doch, du bist so schön." Sie kann ihm Glück bereiten.

In den schwersten Monaten und Jahren, die ich zu erleiden hatte, damals, als ich täglich mit dem Tod, mit meiner Ermordung rechnen mußte, habe ich bisweilen Verse gelesen. Was habe ich mir denn, frage ich mich jetzt, von dieser Lektüre versprochen? Etwa Trost und Zuspruch? Oder eher Ablenkung, eher Vergnügen und Genuß für wenige Minuten? Ja, aber wahrscheinlich noch etwas: Man könnte es einen Zuwachs an Kraft nennen, Kraft, um dem Schrecklichen widerstehen zu können.

Vielleicht wäre damit auch unsere schwierige Frage beantwortet - jene, wozu wir immer noch, wozu wir heute das Gedicht brauchen. So ist die Poesie ein Spiel, das uns beschützt, das uns in ungewöhnlichen Situationen vielleicht sogar retten kann, auch heute, sogar heute.

Als ein Spiel habe ich auch die Aufgabe betrachtet, meine Gedichte zusammenzustellen, solche also, die mir im Laufe meines Lebens gefallen haben, die mich oft zu begeistern imstande waren. Aber ich wollte mich nicht auf meine früheren Eindrücke und Urteile verlassen. Ich habe alles überprüft und in die endgültige Auswahl nur jene Verse aufgenommen, die mich nach wie vor erregen und beglücken oder für die ich zumindest eine Schwäche habe.

Der Arbeit an diesem Buch verdanke ich viel Freude. Ich habe es für mich selber gemacht und doch in der Hoffnung, fast in der Zuversicht, daß ich auch den Lesern zur Freude verhelfe - und vielleicht hier und da sogar zu Augenblicken des Glücks.

Marcel Reich-Ranicki


Hierbei handelt es sich um einen Artikel, der zuvor in der FAZ erschienen ist. Wir denken, dass dieser Artikel nicht in einem Archiv ungenutzt bleiben sollte, sondern die Öffentlichkeit hieran Anteil nehmen sollte. Deswegen haben wir bei der FAZ auf unsere Kosten die notwendigen Rechte erworben. (c) Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.03.2003, Nr. 66, S. 44 Zur Verfügung gestellt von www.faz-archiv.de.